Tauchen und Schnorcheln auf Nauru – Der unterschätzte Geheimtipp im Pazifik
Wer an Tauchen im Pazifik denkt, hat meist die großen Namen im Kopf – Palau, Fidschi, Französisch-Polynesien, Raja Ampat. Dass ausgerechnet Nauru, die kleinste Republik der Welt, ein ernstzunehmendes Tauchrevier ist, wissen selbst erfahrene Taucher oft nicht. Dabei hat die 21 km² große Insel alles, was ein gelungenes Unterwasserabenteuer ausmacht: ein intaktes Saumriff, Steilwände, die in über 4.000 Meter Tiefe abfallen, gelegentliche Großfischbegegnungen und das ganze Spektrum tropischer Rifffische – nur ohne die Menschenmassen, die anderswo inzwischen die Korallen plattgedrückt haben. Dieser Guide erklärt, was Sie unter Wasser erwartet, welche Spots sich lohnen, wann die beste Zeit ist und was Sie praktisch wissen müssen.
🌊 Wussten Sie schon?
Das Riff Naurus fällt vom Ufer aus über eine schmale Riffplatte relativ schnell in die Tiefe ab. Schon wenige hundert Meter vor der Küste liegen die Sichtweiten oft bei 25–35 Metern, an klaren Tagen sogar bei über 40 Metern. Die Insel selbst sitzt einer unterseeischen Erhebung auf – Nauru ist faktisch der Gipfel eines Unterwasservulkans, der aus über 4.000 Metern Tiefe aufragt.
🌐 Das Riff Naurus – Geologie und Aufbau
Nauru ist vollständig von einem schmalen, fringenden Saumriff umgeben. Die Riffkrone liegt vielerorts nur wenige hundert Meter vom Ufer entfernt, gefolgt von einer Riffplatte, die in 8 bis 15 Metern Tiefe relativ flach verläuft und dann an einer ausgeprägten Riffkante (dem so genannten „Drop-off") in steil abfallende Wände übergeht. Diese fallen teils senkrecht in die Tiefe – der Grund: Nauru sitzt einem isolierten submarinen Plateau auf, das von ozeanischer Tiefsee umgeben ist.
Das Riff besteht überwiegend aus Korallen der Gattungen Acropora, Porites, Montipora, Favia, Platygyra und Pavona. Weichkorallen wie Sarcophyton und Lederkorallen ergänzen die Unterwassergemeinschaft. Während der El-Niño-Ereignisse 1998 und 2015/2016 kam es zu teilweisen Korallenbleichen – diese haben sich jedoch auf den äußeren Riffflanken besser regeneriert als andernorts. Die Regeneration der flacheren Innenriffe dauert an, was den äußeren Drop-off für Taucher umso interessanter macht.
Wichtig für die Erwartung: Wer absolute Prachtriffe wie in Raja Ampat oder Tubbataha sucht, wird auf Nauru nicht fündig. Wer aber unberührte, ruhige, untouristische Tauchgänge in intakter Natur sucht und gute Sicht, gelegentliche Großfische und ein ursprüngliches Erlebnis schätzt, ist hier richtig. Nauru ist ein Revier für Entdecker – nicht für Postkarten-Taucher.
🐠 Die besten Schnorchelspots (vom Ufer aus)
Schnorcheln ist auf Nauru einfach und sicher: An den richtigen Stellen steigt man direkt vom Strand oder von Korallenplattformen ins Wasser. Sie brauchen keinen Bootstrip, keinen Dive-Shop, keinen Einstieg vom Pier – einfach Maske auf und los. Die folgenden Stellen sind sowohl bei Einheimischen als auch bei Reisenden beliebt:
1. Anibare Bay – Südmole und Nordflanke
Die etwa 1,5 km lange Bucht an der Ostküste ist der Schnorchelspot Naurus schlechthin. Der Sandstrand fällt sanft ab, und bereits 30 bis 50 Meter vom Ufer entfernt beginnen Korallenformationen. Besonders empfehlenswert ist die Südseite der Bucht, wo dichte Korallenblöcke in 1 bis 4 Metern Tiefe liegen – ideal für Anfänger und Genussschnorchler. Die Nordseite bietet mehr Fischreichtum, aber auch stärkere Strömung bei ablaufendem Wasser.
Was Sie sehen: Papageienfische, Doktorfische, Falterfische, Kofferfische, juvenile Kaiserfische, gelegentlich Weißspitzen-Riffhaie in 8 bis 10 Metern Tiefe. Mit etwas Glück begegnen Sie einer grünen Meeresschildkröte, die in der Bucht gerne frisst.
2. Vor dem Menen Hotel (Meneng-Distrikt)
Direkt vor dem Menen Hotel, dem einzigen richtigen Hotel der Insel, liegt ein kleines Riff, das mit etwas Vorsicht gut zu erreichen ist. Es ist der bequemste Schnorchelspot, weil das Hotel-Terrain als Basisstation dient. Sie müssen jedoch eigene Ausrüstung mitbringen (das Hotel verleiht nichts).
Vorsicht: Seeigel sind hier häufig – tragen Sie Badeschuhe oder Wasserschuhe. Auch der Einstieg über die Korallenplatte ist nicht ganz einfach.
3. Küste zwischen Anibare und Ijuw
Die Ostküste zwischen den beiden Dörfern ist touristisch so gut wie unerschlossen, was sie für abenteuerlustige Schnorchler attraktiv macht. Hier liegen ausgedehnte Korallenfelder in 2 bis 6 Metern Tiefe, die teilweise noch nie von Tauchern betaucht wurden. Sie brauchen jedoch ein lokales Taxi oder einen Mietwagen, um überhaupt dorthin zu gelangen, sowie einen ortskundigen Begleiter.
4. Capelle Beach (Südküste)
Der Capelle Beach an der Südküste ist eher ein Geheimtipp für ruhiges Wasser. Bei ruhiger See sind die Sichtweiten hier besonders gut, und der sandige Einstieg macht ihn für Familien mit Kindern geeignet. Die Korallenvielfalt ist etwas geringer als an der Anibare Bay, aber dafür sind die Fische neugieriger und weniger scheu.
🩱 Scharfkantige Korallen – Ihre Füße sind in Gefahr
Auf Nauru gibt es rund um die Insel Korallenformationen, die messerscharf sind. Ein Sturz auf ein Korallenfeld kann schwere Schnittverletzungen verursachen, die schlecht heilen. Tragen Sie daher IMMER Wasserschuhe, Neoprensocken oder zumindest feste Badesandalen. Beim Schnorcheln von einem felsigen Einstieg aus gilt: nie ohne Schuhe ins Wasser!
⚓ Tauchplätze per Boot – Der Drop-off
Wer mit Flasche taucht, kommt auf Nauru in den Genuss echter Steilwand-Tauchgänge. Die Tropfkante des Riffs beginnt je nach Stelle zwischen 12 und 25 Metern Tiefe und fällt dann in Stufen und Überhängen bis weit unter die Sporttauchgrenze ab. Diese Außenriffe sind das eigentliche Highlight der Insel und nur per Boot erreichbar.
East Wall – Tropfwand vor Anibare
Die Ostküste empfängt den vollen Schub des offenen Pazifiks und ist daher klar und fischreich. Die Tauchgänge beginnen typischerweise bei 18 bis 25 Metern an der Riffkante, mit der Möglichkeit, an der Wand entlang auf 30 Meter abzutauchen, wo sich gelegentlich Grau- und Silberspitzenhaie, Adlerrochen und Schwärme von Trevallies zeigen. Die Strömung kann hier jedoch spürbar sein – Tauchen bei Nauru erfordert solide Strömungserfahrung.
West Wall – Tropfwand vor Aiwo
Die Westseite ist ruhiger und damit für weniger erfahrene Taucher besser geeignet. Die Wand fällt hier in Etappen ab, mit zahlreichen Höhlen, Überhängen und kleinen Canyons. In 25 bis 30 Metern Tiefe finden sich gelegentlich Napoleon-Lippfische (Cheilinus undulatus), die im Westpazifik als stark gefährdet gelten und in intakten Riffen noch häufiger vorkommen.
Nördliche Außenriffe (Ijuw, Anabar)
Vor den nördlichen Distrikten liegt das am wenigsten betauchte Riff der Insel. Hier wurden in den letzten Jahren vermehrt Manta-Rochen und Walhaie in der Nähe der Riffkante gesichtet – meist zwischen April und Juni. Die Bedingungen sind anspruchsvoll, die Belohnung entsprechend groß.
🦈 Big Fish – aber nicht garantiert
Auf Nauru gibt es regelmäßig Sichtungen von Weißspitzen-Riffhaien, Grauen Riffhaien, Adlerrochen, Manta-Rochen, Napoleon-Lippfischen, Barrakudaschulen und gelegentlich Walhaien. Anders als in den berühmten Hotspots ist die Begegnung hier jedoch nicht garantiert – es bleiben 100% Natur und 0% inszeniertes Spektakel.
🚢 Wracktauchen – Die versenkten Schiffe vor Nauru
In den Gewässern rund um Nauru liegen mehrere Wracks aus der deutschen Kolonialzeit, der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und der Phosphat-Ära. Die genaue Lage der meisten Wracks ist heute nicht mehr öffentlich bekannt – sie sind über die Jahrzehnte unter Sand und Korallen verschwunden oder nur ortskundigen Fischern bekannt. Zwei historisch bedeutende Wracks sind jedoch noch dokumentiert:
- MV Temagami (ehem. „Germania"): Ein Frachter, der Anfang des 20. Jahrhunderts Phosphat geladen hat und in der Bucht von Aiwo auf Grund lief. Heute liegen die Reste in 8 bis 15 Metern Tiefe direkt vor dem Hafen, stark mit Korallen bewachsen und ein hervorragender Fotospot.
- Japanische Versorgungsschiffe (1942–1945): Während der japanischen Besatzung wurden mehrere kleine Schiffe in der Lagune und im Hafen versenkt. Teile davon sind in 5 bis 12 Metern Tiefe noch erkennbar – Metallteile, Geschützstellungen und gelegentlich Artefakte.
Wracktauchen auf Nauru ist nichts für Anfänger – es gibt keine markierten Tauchplätze, keine Bojen und keine offiziellen Tauchkarten. Erkundigen Sie sich bei den lokalen Tauchbetreibern, bevor Sie sich auf eigene Faust auf die Suche machen.
🏝️ Tauchbasen und Veranstalter auf Nauru
Hier müssen Reisende Realismus mitbringen: Nauru hat keine professionellen Tauchshops im klassischen Sinn. Es gibt keine Verleihe für Tauchausrüstung, keine PADI- oder SSI-zertifizierten Tauchbasen, keine festen Boote mit Crew, die Touristen rausfahren. Was es gibt:
- Lokale Fischer und Bootseigner, die gelegentlich Ausfahrten für Schnorchler anbieten. Sprechen Sie im Menen Hotel oder im Eigigu Hotel nach Empfehlungen. Preise werden individuell vereinbart, typisch sind 80–150 AUD pro Boot für eine Halbtagestour.
- Die Regierung und das Nauru Tourism Office (in Yaren, nahe dem Parlamentsgebäude) organisieren gelegentlich Tagesausflüge für Gruppen – vor allem für Journalisten und geladene Gäste. Eine direkte Anfrage per E-Mail lohnt sich, besonders für Gruppen ab vier Personen.
- Mitgebrachte Ausrüstung ist Pflicht. Wer auf Nauru tauchen will, muss komplette eigene Ausrüstung mitbringen – inklusive Flasche, Jacket, Regler, Maske, Flossen, Schnorchel, Tauchcomputer und Tariermittel. Eine 12-Liter-Stahlflasche wiegt 15 kg – auch das Leergewicht ist auf der Anreise relevant.
🎒 Packliste für Taucher
12-Liter-Flasche (möglichst mit DIN-Anschluss, da INT internationaler Standard ist), Jacket, 1. + 2. Stufe + Oktopus, Tauchcomputer, Maske, Schnorchel, Flossen, Neopren (3–5 mm), Handschuhe, Reef-Safe-Sonnencreme, Unterwasserkamera, Reefhook bei Strömung. Kompressor- und Flaschenfüllstationen sind auf Nauru nicht verfügbar – Sie brauchen eine ausreichende Anzahl gefüllter Flaschen, falls Sie tauchen wollen (Mitnahme von Reserveflaschen ist möglich, erhöht das Gepäckgewicht aber erheblich).
📅 Beste Reisezeit & Sichtweiten
Nauru liegt knapp 1° südlich des Äquators und hat ein tropisch-maritimes Klima mit ganzjährig warmen Wassertemperaturen von 27 bis 30 °C. Es gibt keine ausgeprägten Tauchsaisons – das Riff ist ganzjährig betauchbar. Die Unterschiede liegen in den Sichtweiten, der See und dem Wellengang:
Empfehlung: Wer die Wahl hat, plant einen Tauchurlaub zwischen Mai und Oktober. In dieser Zeit ist die See am ruhigsten, die Sicht am besten und die Wahrscheinlichkeit, auf Mantas oder Walhaie zu treffen, ist am höchsten. Auch der März und der November können gute Bedingungen bieten, sind aber weniger verlässlich.
⚠️ Sicherheit, Strömung und Umweltverhalten
Nauru ist kein betreutes Tauchrevier – es gibt keine Rettungsleiter, keine Notfall-Tauchboote, keine nächste Dekokammer (die nächste Rekompressionskammer befindet sich in Suva, Fidschi – mehrere Tausend Kilometer entfernt). Das bedeutet: Tauchen auf Nauru ist nur für erfahrene Taucher sinnvoll, die in der Lage sind, ihre Tauchgänge selbst zu planen und Probleme eigenständig zu lösen.
Sicherheitsregeln, die jeder beachten sollte:
- Tauchen Sie nie allein – immer mit Buddy oder ortskundigem Guide.
- Tragen Sie ein Surface Marker Buoy (SMB), damit Boote Sie sehen können.
- Prüfen Sie die Gezeitenströmung vor jedem Tauchgang – vor allem an der Anibare Bay kann der Ebbstrom tückisch sein.
- Führen Sie ein Erste-Hilfe-Set mit, inklusive Wundverband für Schnittverletzungen durch Korallen.
- Achten Sie auf ausreichenden Versicherungsschutz (DAN oder vergleichbar) – medizinische Evakuierung ist teuer und muss organisiert werden.
Umweltverhalten: Das Riff Nauru ist fragil und teilweise noch in Regeneration. Berühren Sie niemals Korallen, treten Sie nicht auf lebende Riffe, verwenden Sie reef-safe Sonnencreme (ohne Oxybenzon und Octinoxat) und nehmen Sie allen Müll wieder mit. Lassen Sie auch keine Futterreste ins Wasser fallen – das stört das natürliche Verhalten der Fische und kann langfristig das ökologische Gleichgewicht verschieben.
📸 Unterwasserfotografie auf Nauru
Für Unterwasserfotografen ist Nauru ein reizvolles, aber auch forderndes Revier. Die Sichtweiten sind hervorragend, die Farben kräftig, und die Fotomotive vielfältig. Allerdings: Das Licht ist sehr intensiv (flacher Sonnenstand, glitzernde Wasseroberfläche), und wer Makroaufnahmen machen will, muss sich auf kleine, scheue Tiere wie Nacktschnecken, Geisterfetzenfische oder Putzergarnelen konzentrieren, die an Korallenblöcken zu finden sind.
Empfehlung: Für die ersten Versuche reicht eine wasserdichte Action-Cam (z. B. GoPro) mit rotem Filter für Aufnahmen in 3 bis 10 Metern Tiefe. Wer ambitionierter ist, bringt ein Unterwassergehäuse für die Systemkamera mit, dazu einen oder zwei Unterwasserblitze. Weißabgleich manuell auf 3.500–4.500 K stellen, dann passen die Farben auch ohne Filter.
🐢 Schnorcheln & Kombination mit anderen Aktivitäten
Schnorcheln und Tauchen lassen sich auf Nauru wunderbar mit anderen Aktivitäten kombinieren. Beliebte Tageskombinationen sind:
- Morgens Schnorcheln an der Anibare Bay, mittags Picknick an der Buada Lagoon – die Lagune selbst ist zum Baden und Schnorcheln weniger geeignet, aber die Umgebung ist wunderschön.
- Vormittags Tauchen am Drop-off, nachmittags Wanderung auf den Command Ridge – mit Blick über die bizarre Topside und die japanischen Bunker.
- Ganztagesausflug zur Ostküste: Schnorcheln am Morgen, Wanderung durch den Pinienwald, Mittagessen mit einer einheimischen Familie (vorher über das Hotel oder den Tourismusbeauftragten organisieren).